Lieferketten-Alerts

Die Commodity-Chip-Krise, die die Produktion weltweit stoppen könnte

Veröffentlicht:

Oct 24, 2024

Ein internes Memo von Volkswagen an seine Mitarbeiter vom 22. Oktober enthielt einen Satz, der jeden Hersteller weltweit beunruhigen sollte: „Auswirkungen auf die Produktion sind kurzfristig nicht auszuschließen.“ Europas größter Automobilhersteller steht nun vor potenziellen Produktionsstopps, weil Nexperia – ein Chiphersteller, von dem die meisten Menschen noch nie gehört haben – die Lieferung jener Basis-Halbleiter nicht mehr garantieren kann, die moderne Fahrzeuge erst funktionsfähig machen.

Die Krise entspringt demselben geopolitischen Patt, das die globalen Lieferketten belastet: Die niederländische Regierung übernahm im September die Kontrolle über das in chinesischem Besitz befindliche Unternehmen Nexperia, woraufhin China dem Unternehmen umgehend untersagte, in China gefertigte Chips zu exportieren. Es handelt sich hierbei nicht um Hochprozessoren, sondern um Dioden, Transistoren und MOSFETs. Diese steuern alles – von Fensterhebern und LED-Beleuchtung bis hin zu Airbag-Systemen und dem Batteriemanagement. Ohne sie können Fahrzeuge nicht fertiggestellt werden, ganz gleich, wie viele hochentwickelte Chips auf Lager liegen.

Volkswagen bezieht Nexperia-Komponenten nicht direkt. Sie gelangen über Tier-1-Zulieferer wie Bosch, Valeo und Aumovio in die Werke. Diese verfügen zwar noch über Bestände für einige Wochen, bevor die Bänder stillstehen, doch das Risiko ist real. Die Montageleitungen für den Golf und den Tiguan in Wolfsburg sind am stärksten gefährdet. VW hat zwar bereits einen Alternativlieferanten identifiziert und verhandelt Verträge, doch Qualifizierungsprozesse für sicherheitskritische Fahrzeugkomponenten dauern Monate, nicht Wochen.

Für US-Hersteller reichen die Auswirkungen weit über die Automobilindustrie hinaus:

  • Marktanteil: Nexperia bedient etwa 40 % des Weltmarktes für diskrete Halbleiter, die in der Unterhaltungselektronik, Industrieanlagen und der Telekommunikation eingesetzt werden.

  • Branchenübergreifendes Risiko: Jedes Unternehmen, das elektronische Steuergeräte verwendet, steht vor derselben Verwundbarkeit wie Volkswagen. Der Verband Alliance for Automotive Innovation warnte bereits vor Dominoeffekten in mehreren Branchen.

Auch Hersteller außerhalb der USA spüren diesen Druck. BMW und Mercedes-Benz gaben ähnliche Warnungen bezüglich potenzieller Produktionsausfälle heraus. Selbst Unternehmen mit diversifizierter Chip-Beschaffung können Nexperia-Komponenten nicht in der verfügbaren Zeit aus ihren Lieferketten eliminieren.

Die Krise unterscheidet sich grundlegend von der Halbleiterknappheit im Jahr 2020:

  1. Ursache: Damals waren Fehlprognosen und Kapazitätsengpässe die Ursache. Die Nexperia-Situation ist eine gezielte Lieferunterbrechung durch staatliches Handeln.

  2. Lösung: Hier helfen keine technischen Kniffe oder Kapazitätserweiterungen, sondern nur diplomatische Lösungen.

  3. Fokus: Während der CHIPS Act und sein europäisches Pendant Milliarden in die Hochtechnologie-Produktion lenken, bleiben die „reifen“ Halbleiter (Mature Chips) eine vernachlässigte Flanke.

Die Verwundbarkeit resultiert aus der Optimierung der Lieferketten: Diskrete Halbleiter erhielten aufgrund ihres Status als Massenware (Commodity) und ihrer geringen Kosten weniger Aufmerksamkeit bei der Diversifizierung. Nexperia wurde durch aggressive Preise und hohe Volumina zum dominanten Lieferanten. Diese Marktkonzentration fungiert nun als Nadelöhr für ganze Industriezweige.

Das Fazit für Supply-Chain-Verantwortliche lautet: Commodity-Status bedeutet nicht geringes Risiko. Komponenten, die als einfach und leicht beschaffbar gelten, werden zu kritischen Schwachstellen, sobald geopolitische Akteure ihr Hebelpotenzial erkennen. Abhängigkeiten von einer einzigen Quelle auf jeder Ebene schaffen operative Risiken – unabhängig von der Komplexität des Produkts.

Hersteller sollten nun dringend ihren Nexperia-Anteil über die gesamte Lieferkette hinweg prüfen und Zeitpläne für alternative Beschaffungswege erstellen. Die Frage ist nicht, ob Ihre Lieferkette solche Abhängigkeiten hat, sondern ob Sie diese identifiziert haben, bevor die nächste geopolitische Krise sie schmerzhaft sichtbar macht.

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